Wachet auf, ruft uns die Stimme

Liebe Mitchristen,
die Straubinger Stadtarchivarin Dr. Dorit-Maria Krenn hat 2015 einen lesens-und betrachtenswerten adventlich-weihnachtlichen Führer durch die Straubinger Neustadt verfasst mit dem Titel „Geheimnis der Weihnacht – Straubinger Weihnachtsweg“, der gut in diese Zeit passt. Die Broschüre mag uns Anregung sein, das eine oder andere manchmal auch verborgene Objekt hier in Straubing zu besichtigen, vielleicht gar neu zu sehen und seine adventlich-weihnachtliche Botschaft zu verinnerlichen.
Der Wächter sehr hoch auf der Zinne
Zu den dort wunderbar beschriebenen 25 Stationen möchte ich mit dem Titelbild unseres Adventspfarrbriefes einen weiteren, in jener Veröffentlichung nicht ausdrücklich erwähnten Topos hinzufügen. Er steht hier in Straubing höchst prominent im Blick, ganz an den Anfang des Weihnachtsweges möchte ich ihn sogar setzen: Es ist unser Stadt-turm mit seinen fünf Turmspitzen, den man ab 1316 als Mittelpunkt der Neustadt zu bauen begann. Zur Zeit des Herzogtums Straubing-Holland (1353-1425) wurde der stolze Turm vollendet, der sowohl eine repräsentative als auch der Wachsamkeit dienende Funktion innehatte. Die Wohnung für den Türmer baute man dann erst in späteren Jahrhunderten aus.

„Zum Sehen geboren, zum Schauen bestellt, dem Turme geschworen, gefällt mir die Welt.“ So lässt Johann Wolfgang von Goethe den Türmer Lynkeus in Faust II seinen Dienst bestimmen. Dieses Gefühl mag einem in den Sinn kommen, wenn man im Rahmen einer Führung den Stadtturm besteigen und den einzigartigen Ausblick des Türmers genießen kann.

Einer muss wachen für alle
Was uns heute ein faszinierendes Vergnügen erscheint, stellte einst für den Türmer eine sehr verantwortungsvolle und fordernde Aufgabe dar: die Stadt im Auge zu behalten, sie stets abzusuchen nach drohenden Gefahren, Ausbrüche von Feuer zu erkennen einerseits und den Schiffsverkehr auf der nahen Donau zu überwachen andererseits. Der Türmer musste ein gutes Gespür haben, die Zeichen der Zeit richtig zu deuten, vor Gefahren rechtzeitig zu warnen, gleichzeitig auch zermürbende Anspannung in der Bevölkerung zu vermeiden. Das ist kein gewöhnlicher „Job“, es muss vielmehr Berufung sein, wie es in dem Gedicht von Goethe so treffend zum Ausdruck kommt.
Den Blick für das große Ganze bewahren
Dieser wache Blick erscheint in unseren Tagen hochaktuell. Die Corona Krise zeigt, dass es Menschen braucht, die den Überblick behalten und zur rechten Zeit warnen, jedoch auch eine Dauerpanik, die schließlich unerträglich ist, abwenden. Dazu können Wissenschaftler, Ärzte, Journalisten, Verfassungsrichter, Politiker und andere mit ihren Kom-petenzen beitragen. Ihr fachlicher Rat soll zu verantwortbaren Entscheidungen verhelfen, die nicht nur Zahlen und potentielle Risiken, sondern das Gesamtgefüge der gesellschaftlichen Ordnung vor Augen haben. Man wird lernen müssen, mit dem Corona Virus zu leben, so oder anders. Große Hoffnungen ruhen gegenwärtig auf einem Impfstoff. Mittelfristig gilt es, Strategien zu etablieren, die nicht alle paar Wochen einen neuen „Lock Down“ erfordern. Der aufmerksame, alles überblickende und erfahrene Blick des Türmers auf die Stadt ist ein gutes Bild für dieses nicht leichte Unterfangen, bei dem es um das umfassende Wohl der Menschen gehen soll, nicht um die Pflege von Spezialwissen, nicht um blinden Aktionismus, nicht um Verharmlosung – aber auch nicht um Panikmache. Bisherige Maßnahmen sind hinsichtlich ihrer Wirksamkeit auch endlich zu evaluieren.

Wachet auf, ruft uns die Stimme
In diesen Tagen stimmen wir das melodisch in seinem Beginn schier fanfarenhaft anmutende alte Adventslied an, das zunächst auch einen Türmer vor Augen hat:
„Wachet auf, ruft uns die Stimme, der Wächter sehr hoch auf der Zinne:
Wach auf du Stadt Jerusalem.“
Im Jahr 1597 – zur Zeit der Pestepidemie – hat der evangelische Pfarrer Philipp Nicolai diesen Liedtext verfasst. Es gab damals an manchen Tagen bis zu dreißig Beerdigungen in seiner Gemeinde. Wir würden heute wohl in heller Panik vergehen angesichts solcher Zahlen. Den Menschen von damals erscheint die Welt jedoch in einem anderen Licht. Trost, Hoffnung und Zuversicht stehen an erster Stelle, der Blick richtet sich auf das Jenseits, auf das himmlische Jerusalem. In diese Stimmung mischt sich die Erwartung der Wiederkunft Christi, die im Zentrum der liturgischen Texte in der Adventszeit ihren Platz hat. Daher passt dieses Lied an das Ende des alten und den Beginn des neuen Kirchenjahres. Kein anderer Text kann diesen Bogen vom Anfang bis zum Ende so spannen, wie jener von Philipp Nicolai zusammen mit den wunderbaren Kompositionen eines Johann Sebastian Bach dazu. 
Doch was hat der aufmerksame Türmer gesehen, auf was will er uns aufmerksam machen? Es ist keine Warnung, sondern eine sehr gute Nachricht:

„Mitternacht heißt diese Stunde; sie rufen uns mit hellem Munde: Wo seid ihr klugen Jungfrauen? Wohlauf, der Bräut’gam kommt! Steht auf, die Lampen nehmt!
Halleluja! Macht euch bereit zu der Hochzeit; ihr müsset ihm entgegengehn!“
So ist es bei einer Hochzeit: Freunde und Bekannte warten in der Kirche auf das Brautpaar. Jeder freut sich auf ein einmalig schönes Fest. Und das beginnt mit der Begegnung von Braut und Bräutigam. Es ist zwar noch nicht so weit, aber in Kürze wird sich die Stimmung verändern. Die Stimmungsmacher sind dabei nicht die Brautleute, sondern jene, die sie erwarten. In diesem Lied zuallerst der Wächter. Wie sehr brauchen wir Menschen, die nicht nur alarmieren, sondern Zuversicht verbreiten:
„Zion hört die Wächter singen; das Herz tut ihr vor Freude springen; sie wachet und steht eilend auf. Ihr Freund kommt vom Himmel prächtig, […].
Wir folgen all zum Freudensaal und halten mit das Abendmahl.“
Wenn Bräutigam und Braut dann vor dem Altar stehen, ist das der Augenblick, auf den alle so lange gewartet haben. Zwei Menschen haben sich liebgewonnen und bauen ihre Zukunft darauf. Die Freude darüber geht über auf Freunde und auf andere Menschen. Hier im Lied wird das Bild der Hochzeit auf die Liebe zwischen Gott und Mensch übertragen, die an Weihnachten ihren Anfang nimmt. Sie gilt jedem von uns, darüber hinaus uns allen als gesamter Gesellschaft und Menschheitsfamilie, in der die Not gelindert wird, Unrecht weicht, in der selbst der Tod uns nicht auseinanderreißen kann. Wenn wir darauf bauen, dann kommt es uns voll Freude über die Lippen:
Gloria sei dir gesungen mit Menschen- und mit Engelzungen, mit Harfen und mit Zimbeln schön. Von zwölf Perlen sind die Tore an deiner Stadt, wir stehn im Chore der Engel hoch um deinen Thron. Kein Aug´ hat je gespürt, kein Ohr hat mehr gehört solche Freude. Des jauchzen wir und singen dir das Halleluja für und für.“
Diesen Jubel schließlich anstimmen zu können, ist das Ziel dieser adventlichen Zeit.

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